Angedacht von Pastorin Birgit Birth

Nachricht 16. Juni 2019

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Von Pastorin Birgit Birth, Geschäftsführerin des Kloster Loccum

Gott arbeitet strukturiert, Punkt für Punkt: Aus dem Chaos lässt er Himmel und Erde erstehen, er schafft das Licht und trennt Erde vom Wasser, Tiere nehmen den Lebensraum ein, der Mensch wird erschaffen. Am siebten Tag vollendet Gott sein Werk und ruht.

Als Kind stellte ich mir immer wieder vor, wie Gott sich nach jedem Schöpfungstag in seinem großen Ohrensessel zurücklehnt, die Arme verschränkt und das Leben auf der von ihm geschaffenen Welt betrachtet: Stolz und zufrieden. Und ich konnte ihm nachfühlen, dass ihm der Wechsel von Tag und Nacht, das Leben auf der Erde und im Wasser nicht allein glücklich macht. Irgendetwas fehlt: Ein Gegenüber.

Gott schafft am sechsten Tag ein Geschöpf, das ihm entspricht. Ein Gegenüber.

Die Schöpfung des Menschen ermöglicht Beziehung. Zwischen Gott und Mensch - zwischen Mensch und Gott.

Der Autor der Schöpfungsgeschichte beschreibt damit keinen Zustand, sondern erhebt eine Glaubensaussage, ein Hoffnungsbild: Du, Mensch, bist ein Ebenbild Gottes!

Damit ereignet sich religionsgeschichtlich eine Revolution: In Ägypten und Mesopotamien verstanden sich Herrscher und Könige als Ebenbilder Gottes. Diese elitäre Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit bricht Israel auf: Mächtige und Ohnmächtige, Frauen und Männer, Reiche und Arme erhalten ungeachtet ihres sozialen oder finanziellen Status dieselbe Würde.

Diesen wichtigen Grundsatz haben die Mütter und Väter unserer deutschen Verfassung vor 70 Jahren im ersten Artikel fest verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Diese Würde muss sich niemand verdienen. Gott hat bei seiner Schöpfung nicht sortiert nach: Groß und erfolgreich oder gesund und ohne Mängel. Er hat uns so gewollt, wie wir sind. Alle Menschen sind gleich. Dieser Grundsatz muss ernst genommen werden. Kirchen, Staat und Gesellschaft sind gleichermaßen in der Verantwortung, diese menschliche Würde zu achten und zu schützen. Jeder einzelne von uns kann dazu beitragen, wenn es darum geht, Menschen nicht anhand ihrer Hautfarbe oder ihres Bildungsstandes zu be- oder gar verurteilen. Ich bin gefragt, wenn es darum geht, meinem Gegenüber mit ehrlichem Respekt gegenüber zu treten: Auf dem Schulhof genau so wie auf dem Fußballplatz oder bei der Arbeit.

Denn Gott hat sich nicht erst Kriterien überlegt, welche Begabungen, Hautfarben oder Einstellungen sein Gegenüber haben sollte. Er hat den Menschen geschaffen, weil er eine Beziehung schaffen wollte. Zwischen ihm und dem Menschen. Und siehe, das ist sehr gut!

Pastorin Birgit Birth, Geschäftsführerin im Kloster Loccum

 

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