Angedacht von Pastor Dr. J. Diestelkamp

Nachricht 08. März 2019

Schuld

 

Von Pastor Dr. Joachim Diestelkamp, Loccum und Wiedensahl

Das Telefon klingelt zu später Stunde. „Ich rufe an“, sagt eine mir gut bekannte Frau, „weil es Frau Krüger (Name geändert) nicht gut geht. Ich habe den Eindruck, sie möchte gern sterben. Sie ist ja auch schon Mitte 90. Aber sie kann nicht, mir scheint, irgendetwas drückt ihr auf der Seele. Schauen sie doch mal bei ihr vorbei.“

Am nächsten Morgen bin ich bei Frau Krüger. Sie liegt in ihrem Bett, die dünnen faltigen Hände liegen auf der Bettdecke, sie atmet schwer. Es braucht nicht lange, dann erzählt sie mir, was ihr auf der Seele liegt. Von der Flucht aus Ostpreußen erzählt sie mir. 1945. Von dem Planwagen, der auf dem Frischen Haff aus der Luft beschossen wird, von dem klirrenden Frost und dem Hunger und von der Geburt ihres Kindes. Drei Kinder hat sie mit dabei auf der Flucht und nun das vierte. Wie soll sie das schaffen jetzt auf der Flucht? Sie hat es erstickt in einer Nacht und zu Füßen eines Baums begraben. Die Luft war klar, der Mond schien vom Himmel. Es hatte keinen Sinn, sie konnte das Kind nicht durchbringen. Es ist ihr gelungen in den Westen fliehen mit ihren drei Kindern. Nie hat sie von dieser Geschichte erzählt, keinem Menschen. All die Jahrzehnte hatte sie es in ihrem Herzen begraben, nicht einmal ihre beste Freundin hatte sie eingeweiht in ihr Geheimnis. Aber jetzt, wo es mit ihr zu Ende ging, plagte sie das schlechte Gewissen. Wie kann sie vor Gott ihren Schöpfer treten mit solch einer schweren Schuld?

Wir haben gebetet, ich habe ihr die Beichte abgenommen. Am nächsten Tag bin ich wieder zu ihr hin, habe ihr das Abendmahl gereicht. Das tat ihr gut. Nun könne sie in Ruhe gehen, sagte sie. Am nächsten Tag rief mich die Tochter an und bat mich noch einmal zu kommen. „Es hat nicht geholfen“, sagt mir Frau Krüger, „ich kann immer noch nicht sterben.“ Da habe ich ihr ein kleines Holzkreuz in die Hand gedrückt und sie gebeten, es ganz fest zu halten im Glauben an Christus, der auch für ihre Schuld gestorben ist. Am nächsten Morgen hatte sie es geschafft. Ihre Hände hielten das Kreuz so fest umschlossen, dass der Bestatter sie nicht lösen konnte. Das war recht so.

Morgen wird in vielen Gottesdiensten über ein Wort aus dem Hebräerbrief gepredigt: „Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.“
Frau Krüger hat diese Hilfe erfahren, gerade zur rechten Zeit.

Joachim Diestelkamp, Pastor in Loccum und Wiedensahl

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