Angedacht von Supn. Dr. Goldhahn-Müller

Nachricht 03. Februar 2019

Und er hörte zu und fragte..........

Von Superintendentin Dr. Ingrid Goldhahn-Müller, Stolzenau

Längst liegt das Weihnachtsfest hinter uns. Die von den heiligen 3 Königen eingeleitete Epiphaniaszeit auch. Wie geht es weiter mit der Geschichte und der Sache Jesu, nachdem die Tannenbäume aus den Wohnzimmern gewichen sind und die Strohsterne am Fenster der Frühjahrsdeko Platz gemacht haben?  Der Evangelist Matthäus erzählt von der Rückkehr der heiligen Familie aus Ägypten und von Jesu Taufe im Jordan. Im Lukasevangelium hören wir vom 12jährigen Jesus im Tempel. Ein aufrüttelnder Text, der in keinem Kindergottesdienst und keinem Konfirmandenunterricht fehlt.  Vor meinem inneren Auge sehe ich vertraute Bilder aus der Kinderbibel, wie Jesus als 'kleiner Lehrer' sehr selbstbewusst zwischen der Jerusalemer Priesterschaft sitzt, unerschrocken das Wort ergreift,  gestikuliert, vielleicht schon die neue Richtung angibt. --  Doch Vorsicht! Der Wortlaut der Bibel  ist zurückhaltender.  'Und es begab sich, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzen, unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte', heißt es da.  'Wie er ihnen zuhörte und sie fragte': Nicht als Lehrer, sondern zuallererst einmal als Hörender wird Jesus beschrieben. Als ein Fragender, ein Lernender. Alle Erkenntnis wächst aus Hören und Fragen. Und erst das Hören und die punktgenauen Fragen verraten Verständnis, provozieren Gegenfragen und Antworten - und dies Gesamtgeschehen ruft das  Erstaunen der Priesterschaft hervor.  'In Hören, Fragen und Antworten wird die Jesus verliehene Weisheit als Einsicht in Wort und Wille Gottes in den heiligen Schriften offenbar', deutet der Theologe Walter Grundmann. Aufs Hören kommt's also an und aufs Nachfragen. Und was der 12jährige bereits beherrscht, bestimmt später das gesamte Wirken des Predigers aus Nazareth und zieht Menschen von nah und fern in den Bann. Jesus konnte zuhören wie kein anderer, sich in Menschen hineindenken und -fühlen, durch die äußere Fassade hindurch in die tiefsten Schichten des Herzens blicken. Und immer wieder fragt er gezielt und empathisch nach und bringt gerade mit seinen Rückfragen Menschen zum Nachdenken, zum Umdenken, zum Tun der Liebe.  In einer Welt, die so voller  unreflektierter Kommentare, Phrasen, hingeworfener Twitternachrichten und vorschnellen Urteilen ist, finde ich den kleinen biblischen Halbsatz 'wie er ihnen zuhörte und sie fragte' geradezu lebenswichtig und richtungsweisend. Im Hören liegt die Kraft und gerade durchs intensive Zuhören kommt Friede.

'Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden', wird in unseren Klöstern und Kirchen gern gesungen.  Schweigen ist nicht passiv. Nur das Hören eröffnet neue Horizonte, Und nur durch Zuhören finden wir den Weg zum Nächsten. So kann Frieden werden.

Ihre

Dr. Ingrid Goldhahn-Müller, Superintendentin

superintendentin
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31592 Stolzenau
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Kirchenkreis:

Stolzenau-Loccum