Angedacht von Studieninspektor Peter Noß-Kolbe

Nachricht 01. März 2019

Weimar 1919 und die Religion: noch haltbar oder abgelaufen?

Von Pastor Peter Noß-Kolbe, Studienleiter im Predigerseminar im Kloster Loccum

Was machen Sie, wenn Sie im Laden Lebensmittel sehen, die bald ablaufen? Liegen lassen? Oder mitnehmen und sich über den halben Preis freuen? Das meiste ist ja noch genießbar, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum schon überschritten ist. Aber wie ist es mit den richtig alten Sachen?

Im Februar 1919 vor genau einhundert Jahren trat die Nationalversammlung in Weimar zusammen und schuf die erste deutsche Republik. Friedrich Ebert, der „rote Kaiser“ aus der SPD wurde zum ersten Reichspräsidenten gewählt und eine moderne Verfassung wurde geschrieben. Das Frauenwahlrecht, das Völkerrecht und soziale Grundrechte gehören dazu. In Religionsdingen wurde das geltende landesherrliche Kirchenregiment abgeschafft und damit die Trennung von Staat und Kirche eingeläutet. Zuvor waren beide in vielen Bereichen auf das engste miteinander verbandelt. Allerdings wurde im Unterschied zu anderen Ländern wie etwa Frankreich keine strikte Trennung, die Laizität, eingeführt, sondern eine „hinkende“ Trennung. Der Begriff ist vielleicht unglücklich, da er  eher ein Handicap beschreibt. Es geht langsam und ist mit einer Verletzung verbunden. Die hinkende Trennung schneidet nichts endgültig auseinander, sie ermöglicht Kooperation. Und es lohnt sich, die Ideen von vor einhundert Jahren genau anzusehen. Sie sind der einzige umfassende Teil, der 1949 wörtlich in unser Grundgesetz übernommen wurde. Ist er noch genießbar?

Ausgangspunkt und Kern sind die positive und die negative Religionsfreiheit. Jede und jeder hat das Recht, ohne Religion zu leben und sogar Religion abzulehnen, ohne deshalb Konsequenzen befürchten zu müssen, bis hin zu Polemik und Karikaturen. In einer Demokratie müssen Gläubige da manchmal einiges aushalten. Genauso hat jede und jeder das Recht, Glauben und Religion öffentlich zu praktizieren; einladend, werbend und pointiert, solange man auf dem Boden des Grundgesetzes bleibt. Das müssen die anderen aushalten.

Als Körperschaften des öffentlichen Rechts sind die Kirchen nicht mehr Teil des Staates, aber Religion ist auch nicht nur Privatsache. Religion ist eine Anwältin der Menschenrechte; der zu kurz Gekommenen; der Ertrinkenden. Und sie ist eine Anwältin gegen die Gier; die Ausbeutung; die Optimierung um jeden Preis. Das kann sie nur öffentlich, indem sie ihre Stimme laut werden lässt. Mal mit und mal gegen die Politik oder die Gesellschaft.

Religion ist nicht nur Privatsache. Sie wird gefördert und sie wird kritisiert, beides ist gut. Und ich hoffe, dass sie auch in hundert Jahren noch haltbar und genießbar sind!

Ihr

Peter Noß-Kolbe, P.

 

Religion ist Privatsache. Wirklich? Ja, sagen viele sagen, das geht doch nur Gott, wenn es ihn denn überhaupt gibt, und mich etwas an. Das braucht man nicht an die große Glocke hängen. Und wenn Religion für mich gar keine Bedeutung hat? Sogar dann bleibt sie Privatsache. Jede und jeder soll so glauben, wie es ihm oder ihr beliebt. Eine Bevormundung durch Kirchen, Moscheen oder gar den Staat wollen wir im 21. Jahrhundert nicht mehr akzeptieren.

 

Kontakt

Peter Noß-Kolbe
Kloster 2
31547 Rehburg-Loccum
Tel.: 05766/960228