Handlungsfeld X

Kirche auf dem Lande

Wie kann das Leitbild des Kirchenkreises Stolzenau-Loccum, nah bei den Menschen zu sein und das Leben auf dem Lande geistlich zu begleiten, die Arbeit in den Kirchengemeinden und im Kirchenkreis in den  kommenden Jahren prägen – welche Impulse kann es für den ländlichen Raum geben, welche Veränderungen anregen?

Zukunft auf dem Lande: Nah bei den Menschen sein…

Kirche auf dem Lande zu gestalten, bedeutet zunächst die Pflege und Entwicklung der Gemeinde-Gottesdienste und der Familien-Gottesdienste (Kasualien). Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Bereich der Diakonie, wie sie zum Beispiel durch die Diakonie-Sozialstation in der direkten Begegnung mit den Menschen in ihren Lebensräumen geleistet wird, und auch in der Bildungsarbeit mit den engen Kooperationen zu Schulen vor Ort. In der Diakonie- und Bildungsarbeit liegen wie anderswo auch die größten Kontaktflächen zu Nichtmitgliedern.

Kirche auf dem Lande zu gestalten und zu reflektieren, bedeutet aber auch, die Gemeinwesenarbeit des Kirchenkreises und seiner Kirchengemeinden in den Blick zu nehmen. Drei Bereiche sollen herausgegriffen werden. 

Hier ist gut sein: Lebensbegleitung im Dorf

Bei allem Wandel zeichnet sich die kirchliche Arbeit im Kirchenkreis Stolzenau-Loccum vielerorts durch eine große Konstanz in der pfarramtlich-seelsorglichen Begleitung der Menschen aus. Viele Hauptamtliche (und auch Ehrenamtliche) sind seit mehreren Jahrzehnten in ihren Gemeinden tätig. Laut Umfragen äußern viele Gemeindeglieder und auch Ausgetretene immer deutlicher den Wunsch, einer Vertreterin / einem Vertreter von Kirche im Alltagsleben niederschwellig begegnen zu können. Dies gelingt in vielen Gemeinden und ist zugleich Herausforderung für die Zukunft. Denn bisher wird diese Arbeit mit dem klassischen Modell geleistet, dass die Vertreterinnen und Vertreter von Kirche mit den Menschen gemeinsam im Dorf / in der Kommune leben. Schon die Vakanzen in den letzten Jahren in Essern, Lavelsloh und Leese haben gezeigt, dass auch andere Modelle möglich gemacht werden können.

Eine zentrale Rolle spielt für die Begleitung der Menschen die diakonische Arbeit, wie sie durch die Einrichtungen des Kirchenkreises geleistet wird. Besonders die direkte persönliche Nähe in den sich verändernden Lebensräumen wird durch die Sozialstation geleistet. Kirche ist auf diese Weise präsent, im verlassenen Gehöft ebenso wie in der Etagenwohnung. Zu diskutieren ist dabei, wie sich übergemeindliche Versorgung und gemeindliche Aktivitäten noch weiter ergänzen können. Fach- und Beratungsstellen brauchen ein Gesicht vor Ort, um in der Fläche wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite profitieren die Gemeinden davon, wenn die Autos mit dem Kronenkreuz als aktiver Teil evangelischer Kirche deutlich sind.

Der Bedarf an Begleitung in besonderen und auch alltäglichen Lebenslagen wird in verschiedenen Arbeitsfeldern als hoch wahrgenommen. Einige übergreifende Angebote des Kirchenkreises reagieren darauf direkt, beispielsweise in der Notfallseelsorge, in der Kreisfrauenarbeit, in der Kooperation mit dem Hospizdienst und dem Palliativstützpunkt oder auch in der Jugendarbeit. Die Organisation und Durchführung dieser häufig punktuellen „Nachfrage“ stellt die Verantwortlichen vor diverse Herausforderungen im Blick auf gute Kooperationen, auf Team-Bildung in gemischt professionellen Gruppen und im Blick auf die terminlichen Möglichkeiten. Zudem findet sich gerade in diesen Arbeitsfeldern eine Begleitung von Menschen durch Kirche unabhängig von Konfession oder überhaupt von Kirchenzugehörigkeit derjenigen, die hier Gespräche, Kontakt und Angebote in Anspruch nehmen. Es ist für die Zukunft zu ergründen, in welchem Maße die Verantwortlichen im Kirchenkreis sich dieser Aufgabe weiter verschreiben werden, um im persönlichen Kontakt eine

„Volks“-Kirche für die Menschen zu sein und ihnen diakonische Hilfe und seelsorgerliche Begleitung niederschwellig anzubieten.  

Geteilte Verantwortung: Bildung und Begleitung von Ehrenamtlichen

Welche Aufgaben sollen in diesem Zusammenhang zukünftig von Ordinierten oder Hauptamtlichen übernommen werden, welche von Ehrenamtlichen? Die Kirchenkreiskonferenz arbeitet derzeit an dieser Frage. Die Herausforderung besteht darin, nicht nur für den Verkündigungsdienst und für die aufsuchende Gemeindearbeit Ehrenamtliche zu motivieren, sondern gerade auch für Leitungsaufgaben und die Organisation Ehrenamtliche über längere Zeiträume zu binden. Besonders aus den kleinsten Gemeinden gibt es an dieser Stelle Erfolge zu berichten. Dort, wo kein bewohntes Pfarrhaus steht, werden die Gemeinden von Ehrenamtlichen geleitet und zukunftsfähig organisiert. Auch in anderen Bereichen wie der Notfallseelsorge sind Ehrenamtliche neben den Hauptamtlichen hoch engagiert und übernehmen Leitungsaufgaben. Das wird sich auch in der beginnenden Kooperation mit dem Kriseninterventionsteam des DRK fortsetzen.

Die Begleitung dieser Ehrenamtlichen muss nicht nur sachlich-fachlich erfolgen, sondern gerade auch lebensbegleitend-seelsorgerlich. Gut gelingt die kirchliche Arbeit auf dem Lande dort, wo Ehrenamtliche intensiv auf eine überschaubare Aufgabe in ihrer Kirche vorbereitet werden und anschließend auch weiter Begleitung finden. Die gute Ausbildung beispielsweise für den Predigt-Dienst oder die Jugendgruppen­leitung braucht eine anschließende Einbindung vor Ort und dort wieder persönlichen Kontakt.

Kontrovers wird dabei über die Notwendigkeit diskutiert, Aufgabenbereiche zu fusionieren und neu zu strukturieren. Einmütig wird aber die Aufgabe gesehen, Ehrenamtliche weiter fortzubilden und darin unterstützend zu begleiten, verantwortliche Bereiche kirchlichen Lebens immer noch mehr zu übernehmen.

Gottesdienste für das Dorf: Verkündigung im Zentrum

Auf dem Lande findet sich vielerorts das für relativ feste Gruppen angebotene, vereinsorientierte Gemeindeleben. Stark sind dabei im Kirchenkreis Stolzenau-Loccum die Musikgruppen bzw. Chöre und Posaunenchöre und die wachsenden Männerkreise in den Gemeinden. Doch die Mehrzahl der Senioren- oder Frauenkreise lässt sich selten verjüngen, sogar die diakonischen Selbsthilfegruppen erleiden einen durch die Pandemie verstärkten Abbruch. Für die Zukunft sind daher die Vorschläge zu diskutieren, die Gemeindearbeit zunehmend projektorientiert und vermehrt auch als gottesdienstliche Arbeit zu gestalten, ohne dabei die vorhandenen festen Gruppen zu schwächen.

Einige Gemeinden machen gerade mit Gottesdiensten im zweiten Programm oder an anderen Orten Erfahrungen. Insbesondere die Orientierung an lebensbegleitenden Ereignissen spielen dabei eine Rolle. So entstehen punktuelle Tauffeste oder Ehe- und Konfirmations-Jubiläen. Aber auch die gottesdienstliche Eröffnung von Ernte- und Dorffesten gemeinsam mit Dorfvereinen oder Ortsfeuerwehren aktivieren Gemeindeglieder und andere Menschen aus den Dörfern zu einer zeitlich begrenzen Mitarbeit.

Der Kirchenkreis begleitet diese Arbeit der Kirchengemeinden mit einem eigenen Angebot für alle. Ein zentrales Tauffest prägt unseren Kirchenkreis seit langem, genauso die traditionelle Reformationsfeier im Kloster Loccum für alle Gemeinden am 31. Oktober. Konfi- und Jugendgottesdienste, Musik-Projekte für Gottesdienste werden nach der Pandemie wieder in Angriff genommen.

In der Hauptamtlichen-Konferenz werden u.a. Detailfragen zu klären sein, wie zum Beispiel mit dem zunehmenden Wunsch umzugehen ist, (ausgetretene) Taufzeugen an solchen Tauf-Events zu beteiligen, oder mit dem Wunsch von Gemeindegliedern nach einer verstärkten Beteiligung an Trauerfeiern für ihre (z. T. auch ausgetretenen) Verstorbenen. Darüber hinaus muss zukünftig noch stärker nach einem Profil der evangelischen Gottesdienst­arbeit gefragt werden; denn die gottesdienstlichen Angebote wirken direkt in das Gemeinwesen hinein. Welchen Bedarf gibt es in dem bunten und unterschiedlichen Dorfleben an Gebet und Segen oder an Gottesdienst? Wie kann

die Kirchengemeinde bzw. der Kirchenkreis als geistlich-spirituelle Partnerin im Gemeinwesen bzw. im Dorfleben aktiv werden? Das muss reflektiert werden. Florians-Feiern in den Ortsfeuerwehren beispielsweise mit ihrer gewissen Gedenk-Kultur und dem gleichzeitigen Wunsch, vor Gefahren bewahrt zu bleiben, werden in nahezu allen Dörfern und Kommunen mit einem Gottesdienst eröffnet. Spontane Friedensgebete in der aktuellen Situation erhalten großen Zulauf. Den Vertreterinnen und Vertretern von Sport- oder Schützenvereinen ist häufig jedoch nicht deutlich, welche Funktion ein Gebet und ein Segen in ihren Feiern übernehmen könnten.

An vielen Stellen ist damit ein Abschiednehmen zu organisieren, da nicht alles „so wie immer“ durchgeführt werden kann.

Zukunft auf dem Lande: …das Leben der Menschen geistlich begleiten.

„Verlässlich im Wandel“: Kirche als selbstbewusste Partnerin im Dorfleben

Als ecclesia semper reformanda steht der Kirchenkreis Stolzenau-Loccum mit seinen Gemeinden vor der Aufgabe, den Wandelprozess in den örtlichen Gemeinwesen zu begleiten und zugleich mitzugestalten. Die oben beschriebene Verlässlichkeit, in diesen Prozessen mit persönlichen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern auch in der Fläche präsent zu bleiben, ist Ziel und Herausforderung. Schon jetzt können sich die Gemeinden und der Kirchenkreis als verlässliche Partnerinnen in der Gestaltung des dörflichen Lebens präsentieren. Unter den vielen Aktivitäten für die Gemeinwesen sind die Kindergartenarbeit und andere diakonische Felder oder auch die Friedhofsarbeit bei aller Umgestaltung verlässlich vorhanden und werden weiterentwickelt. Kirche wird weiterhin als Bildungsträgerin wahrgenommen, und vom Kinderkonfer über Juleica-Kurse bis zum Alltagsbewältigungskurs (Handy-Nutzung) werden die Angebote der Kirchengemeinden und des Kirchenkreises zunehmend nachgefragt.

Soll für die zukünftige Arbeit nach einer Überschrift gefragt werden, kann die Aufgabe: „Verlässlich im Wandel“ bewusst ohne Komma gesetzt werden. So könnte das reformatorische Selbstverständnis von Kirche sichtbar werden, indem kirchliches Leben in den diversen Umgestaltungsprozessen nicht in alten Strukturen und Lebensformen verharrt, sondern Veränderungsprozesse bewusst angeht und aktiv gestaltet. Vielerorts droht nämlich die Gefahr, dass die Umwandlung der dörflich-ländlichen Lebensverhältnisse quasi als „Wandel der Zeit“ nur passiv ertragen wird. An diesen Stellen verändern sich Strukturen und Bezüge nicht, sondern fallen häufig schlicht weg. „Verlässlich im Wandel“ bedeutet dagegen eine aktive Beeinflussung der Veränderungsprozesse und deren Mitgestaltung. Eine intensivere Diskussion von theologischen Schwerpunkten und gemeinsamen Leitlinien im Kirchenkreis könnte diesem Handlungsfeld „Kirche auf dem Lande“ dabei im kommenden Planungszeitraum weiteren Schwung verleihen. Kirchliche Arbeit auf dem Lande kann dann mehr sein als ein zornig-fröhliches Beharren: „Alle gehen, wir bleiben!“  

Die Voraussetzungen dafür, gerade auch mit Gemeindegliedern und Interessierten gemeinsam theologisch und konzeptionell nach dem kirchlichen Handeln im Gemeinwesen zu fragen, sind denkbar günstig. Denn selten begegnet kirchliches Leben im Kirchenkreis offener Ablehnung. Häufiger sind eine indifferente Haltung und die ehrliche interessierte Frage danach, was kirchliches Leben für die Einzelnen oder die Gemeinschaft tatsächlich bringt und welcher Aufwand dafür zu treiben ist. Die Aktivierung von Mitarbeitenden scheitert beispielsweise weniger an inhaltlichen Vorbehalten gegenüber der christlichen Botschaft, sondern an der komplexen Alltags­gestaltung der Menschen auch auf dem Lande. Und so wie digitale Erreichbarkeit pfarramtliche Öffnungszeiten in den letzten Jahren vielerorts ersetzt hat, lässt sich in vielen Bereichen deutlich machen, wie sehr Kirche ihr Angebot vom Glauben, Leben und Denken der Menschen auf dem Land her denkt und immer weiter umgestaltet.

„Verlässlich im Wandel“ – die Handlungskonzepte für ein entsprechendes viel­fältiges und je nach Gemeinde auch unterschiedliches kirchliches Engagement im Gemeinwesen sind mit dem Beschluss der Kirchenkreissynode über sie nicht fertig. Sie sind in Zukunft weiter zu erarbeiten und zu erproben. Der Kirchenkreisvorstand wird sich in seinen kommenden Sitzungen regelmäßig mit einem der Handlungskonzepte beschäftigen und es ggf. modifizieren.

Ein denk­bares theologisches Leitmotiv kann dabei die reformatorische Bestimmung einer Kirche als Kirche für die Menschen sein. Aber gerade die inhaltlich-theologische Schwerpunktsetzung ist im kommenden Planungszeitraum ebenfalls miteinander zu diskutieren. Ziel ist damit, in den nächsten Jahren immer noch mehr gemeinsam zu fragen, inwieweit Kirche sich in unserem Kirchenkreis von ihrem Selbstverständnis her weiterentwickelt und achtsam nach der eigenen Bedeutung im jeweiligen Gemeinwesen sucht.